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Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl: Band 3: BD 3 (edition suhrkamp)

Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl: Band 3: BD 3 (edition suhrkamp)
von Uwe Johnson
Suhrkamp Verlag
1993-03-22

Taschenbuch
384 Seiten
ISBN: 3518118242




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Ein deutscher Roman
Dieses Buch ist ein Meisterwerk. Es ragt über alles hinaus, was nach 1945 an Prosa in deutscher Sprache geschrieben worden ist. In ihm spiegelt sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. (Autor/in)


Ein Meisterwerk der deutschsprachigen Literatur
Ich bin begeistert von diesem Buch. Auch wenn ich nicht so recht entscheiden könnte ob es zum Beispiel ein "Antikriegsroman" ist (meiner Meinung nach eher nicht) oder eher "Der deutsche Jahrhundertroman". Es ist auf jeden Fall ein echtes Epos, aber gerade darin liegt auch sein Problem. Der Roman, der auf 1700 Seiten das Denken eines ganzen Lebens von mindestens Gesine und ihrem Vater beinhaltet, ist einfach elend schwer zu lesen. Ich habe es ein paar Mal versucht. Ganz egal ob man mit "Mutmaßungen über Jakob beginnt" die quasi die Vorgeschichte liefern oder ob man den Einstieg gleich versucht. Die Geschichte springt ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen (Vorkriegszeit in Mecklenburg, Nachkriegszeit in Düsseldorf, 60er Jahr in New York) und verschiedenen Erzählern (Cresspahl, Gesine, Jakob, Marie) hin und her, teilweise mitten im Absatz. Es gab im Dezember 2001 im Fernsehen eine vierteilige Verfilmung dieses Romans im Fersehen (3sat). Für einen "normalen" Leser ist es meiner Meinung nach absolut notwendig sich erst den Film anzusehen. Ansonsten hat man nach sehr anstrengenden ersten 50 Seiten (50 von 1700!) völlig den Faden verloren. Mit dieser Vorbildung macht es dann aber wirklich Spaß das Buch zu lesen. Die ersten Versuche glichen eher dem Durcharbeiten eines sehr schwer verständlichen Textes. (Autor/in)


Anstrengend und sehr lohnend
Um es vorweg zu sagen: dieses Buch hat seine Längen und es ist nicht selten nötig, einen starken Willen zum Weiterlesen aufzubringen. Genauso oft wurde ich aber gefangengenommen von den Geschichten. Am Ende des Buches kamen mir jedenfalls manche Charaktere (besonders die Protagonistin Gesine Cresspahl) fast wie gute Freunde oder Bekannte vor.

Es entstand nicht nur ein sehr plastischer Schnappschuss vom Leben im New York Ende der 70er Jahre mitsamt den vergessenen und unvergessenen Ereignissen wie dem Vietnam-Krieg, der Morde an Martin Luther King oder Robert F. Kennedy. Dazu tragen Ausschnitte aus der New York Times bei, die neben den Gedanken und Erzählungen Gesines eine regelmäßig wiederkehrende Erzählebene bilden.
Darüber hinaus wird auch ein Stück 'Aufarbeitung' der NS-Zeit und des Beginns der DDR geleistet, das mich gerade durch die Unterbrechungen, Unschärfen und Leerstellen, die durch die Ausbreitung dieser Geschichtsebene als Erzählungen Gesines für ihre Tochter entstehen, fasziniert hat.
Das Buch ist für diejenigen lohnend, die Interesse an der Beschäftigung mit der Vergangenheit haben und auch immer schon gerne den Erzählungen der Eltern oder Großeltern gelauscht haben. Außerdem befriedigt das Buch auch die Neugierde nicht unwesentlich, erlaubt es doch eine Art voyeuristischen Blick in das tägliche Leben verschiedener Personen (quasi das legale Lesen des Tagebuchs einer fremden Person).

Erwähnt werden soll auch noch das Register zu diesem Buch mit Informationen zu Personen und Orten (?Kleines Adressbuch? von Rolf Michaelis), für mich persönlich war dieses jedoch überflüssig. Zwar kommen eine ganze Menge von Personen, aus der Gegenwart und Vergangenheit der Geschichte vor, außerdem wird dauernd zwischen den Zeiten gewechselt, jedoch konnte ich mir die wichtigen Personen immer merken oder wiedererkennen.

Auch die Verfilmung von Margarethe von Trotta ist sehr lohnend, ich bin allerdings froh, diese erst nach dem Text geschaut zu haben ? so konnte ich mir mein eigenes Bild von den Personen bilden. (Autor/in)


Wohin ich eigentlich gehöre...
Der Mecklenburger Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984) hat mit dem umfangreichen Roman JAHRESTAGE Weltliteratur geschrieben. In einer Synthese aus Roman, Zeitgeschichte und autobiographischer Analyse hat Johnson mit diesem grandiosen Epos das Leben der Bankangstellten Gesine Cresspahl in New York montiert.

Geschichte und Gegenwart werden geradezu sachlich wie in einem Bericht und mit der für Johnson typischen Syntaxbrechung geschildert. Persönliches Erleben und der Einfluss von Weltpolitik auf die eigene Biografie beschreibt der Schriftsteller mit einer Liebe zum Detail und Personen, wie sie aus Thomas Mann-Romanen bekannt ist.

Johnsons Sprachstil ist dabei durch Montagen, Rückblenden auf seine Mecklenburger Heimat, den inneren Monolog und einem geschickten Wechsel der Erzählperspektive und Ebenen gekennzeichnet. Auch in diesem Roman steht die deutsche Teilung (bis 1989/90) im Mittelpunkt.


Ein Muss für Literaturinteressierte
Johnson hat für den Roman 15 Jahre gebraucht, wobei eine zehnjährige Schreibblockade mit einberechnet ist. Auch das Lesen des Buchs ist ein Ausdauerleistung. Ich möchte an dieser Stelle die ermutigen, die zwar bereit sind, Zeit zu investieren, aber noch zweifeln, ob sich die Mühe lohnt. Sie lohnt sich!

Johnson verfugt übergangslos zwei Zeitebenen ineinander: Das New York von 1968 und das Mecklenburg-Vorpommern der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Übergänge sind nahtlos, sie erfolgen abrupt von einem Absatz zum nächsten. Nur aus dem Kontext ist zu erkennen, auf welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Da dieses Prinzip aber konsequent und sauber durchgehalten wird, ist die zeitliche Orientierung das geringste Lesehemmnis.

Ein größere Barriere stellt die Detailfülle dar, und die damit einhergehende Handlungsarmut, besonders auf der New Yorker Zeitebene, wo es nichts weiteres zu berichten gibt, als den Alltag der Angestellten Gesine Cresspahl und ihrer zehnjährigen Tochter.

Dies ist kein Spannungsroman, sondern eine Gesellschaftsstudie. Erst wenn man mit dieser Erwartungshaltung an das Buch herantritt, wird man ihm gerecht. Wir lesen hier eine literarisches Modell aller wichtigen Staatsformen des zwanzigstens Jahrhunderts: Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus. Dieser gesellschaftpolitische Hintergrund nimmt einen weitaus breiteren Raum ein, als die Geschichte selbst. Die Geschichte, das sind Kindheit und Jugend der Gesine Cresspahl im mecklenburgischen Kleinstädtchen Jerichow. Das ist darüber hinaus die Cresspahlsche Familiengeschichte und viele weitere Einzelschicksale.

Ein Unzahl von Biographien wird geschildert. Ihr Verlauf wird vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, bis in die Erzählergegenwart der 68-er hinein ausgebreitet. Johnson schafft das, was große Epen ausmacht: Er spannt den Bogen über eine ganze Epoche, entwirft das Gesamtbild einer und legt einen geschlossenen erzählerischen Rahmen um die Einzelschicksale aller seiner Figuren. In dieser Hinsicht ist dieser Roman gelungen. Er bricht nicht auseinander, scheitert nicht an seinem großen Umfang, enthält keine Stilbrüche, keine (jedenfalls keine mir erkenntlichen) Inkonsequenzen oder Schwankungen.

Das erzählerische Konzept ist komplex, aber exakt definiert und wird konsequent durchgehalten: 365 Einträge, einer für jeden Tag vom 19. August 1967 bis zum 20. August 1968. Der Autor grenzt sein Format explizit ab gegen die Tagebuchform. Die einzelnen Abschnitte sind ihrem Wesen nach nicht Tagebucheinträge, sondern gehen darüber hinaus. Zwar beziehen sie sich auf den Kalendertag und zitieren oft aus der Tagespresse, enthalten aber auch stets Rückblicke in die Vergangenheit. Es sind "Einträge für den täglichen Tag", oder eben "Jahrestage".

Die Erzählperspektive ist nicht einfach diejenige Gesine Cresspahls, sondern es spricht die Erinnerungsstimme Gesines durch die Feder eines mit ihr befreundeten Autors, der nicht näher benannt und beschrieben wird. Gesine hat mit diesem Schriftsteller, der wohl Johnson heißen könnte, ein Abkommen getroffen: Er soll ihr Leben innerhalb eines Jahres in dieser Form zu Papier bringen.

Die Rückblicke in Gesines Kindheit erhalten ihren Rahmen dadurch, dass Gesine im Verlaufe des Jahres ihre gesamte Kindheit der Tochter Marie berichtet. Der Autor Johnson zeichnet diese Berichte auf. Wir haben also eine Dreieckssituation: Gesines Tochter ist die Zuhörerin. Gesine selbst ist die Sprecherin. Der Autor agiert als Protokollant im Auftrag und nach der Vorstellung Gesine Cresspahl. Er ist lediglich das ausführende Organ für die sprachliche Manifestation des Ganzen.

Warum kompliziert Johnson die Erzählperspektive, indem er einen auktorialen Erzähler hinzufügt? Warum beschränkt er sich nicht völlig auf die Perspektive Gesines, wo doch einzig ihr Erinnerungsmaterial und ihre Gegenwart Gegenstand sind? Der Text wirkt dadurch objektiver, glaubwürdiger! Johnson hat den Anspruch, eine Gesamtschau mehrerer Gesellschaftsformen abzuliefern. Das erfordert erzählerische Authorität. Diese Authorität würde leiden, spräche lediglich die kleine Angestelle Gesine Cresspahl über weltpolitische Ereignisse. Kurz: Der Erzähler im Hintergrund bewirkt eine Distanzierung von und eine Objektivierung der Protagonistin.

Genauso übergangslos wie zwischen den Zeitebenen wechselt der Text von der Ich-Form in die dritte Person, je nachdem ob das Subjekt Gesine Cresspahl oder der imaginäre Schriftsteller das Wort führt.

Damit wird das über mehrere Zeitebenen reichende gesellschaftliches Panorama erlebbar und fühlbar, ohne zur trockenen Sozialstudie zu verkommen. Gesine Cresspahls Erinnerung ist das emotionale Fluidum, welches dem Text das Leben einhaucht. Ohne sie hätten wir es mit einem trockenen Konvolut aus Einzelepisoden zu tun, dem der dichterischen Fluß fehlen würde.

Es gibt noch weitere solcher verbindender Elemente. Zu Beispiel ist Gesine Cresspahl akribische Leserin der Tageszeitung "New York Times.". Dort findet sie die tagesaktuellen Nachrichten, die ihr Anlass geben, über ihre Gegenwart zu reflektieren. Von dort schlägt sie den Bogen zu ihrer Vergangenheit, und weil wir durch die raffinierte Erzählweise an ihrer Erinnerung teilnehmen, nimmt sie den Leser mit auf eine Zeitreise und schlägt ihn in ihren Bann.

Johnsons Recherchen müssen akribisch gewesen sein. Das spiegelt sich in der Detailgenauigkeit wieder, mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse in Gesines Heimatort Jerichow geschildert werden, und zar bis hinein in die lokalpolitischen Hahnenkämpfe. Wenn man sich darauf einlässt und die nötige Geduld und Ausdauer mitbringt, dann wird das Lesen irgendwann (nach ein paar hundert Seiten) zu einem berauschenden Erlebnis. Wer durchhält, dem wird klar: Hier hat einer Wirklichkeit in Sprache gefasst. Das Ganze ist so vielfältig, dass es in ein paar feuilletonistischen Absätzen nicht vollständig erfasst werden kann.
(Autor/in)


Wer wird nicht einen Johnson loben, doch wird ihn jeder lesen?
So könnte man Lessings Spöttelei über Klopstock auch auf Uwe Johnsons 1700 Seiten starke "Jahrestage" anwenden. Ich jedenfalls habe auch den zweiten Versuch aufgegeben, das Buch ganz zu lesen, und bin über die Hälfte nicht hinaus gekommen. Warum?

Weil dies zwar ein respektables, aber kein fesselndes oder letztlich überzeugendes Buch für mich ist. Es ist respektabel, weil Uwe Johnson bereits zwischen 1968 und 1970 eine sehr kritische Haltung gegenüber dem Vietnamkrieg einnahm und einen ebenso achtenswerten Versuch einer kritischen Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit unternahm. Ebenso überzeugend ist seine verhaltene, skeptisch-freundliche Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Trotz dieser Sympathien: Ich denke, es genügt nicht, wenn man die Haltung oder Gesinnung eines Autors respektiert, man muss in erster Linie das Buch lesen wollen, weil es einen interessiert. Das Interesse erlahmt bei mir, weil Johnson das Material zu breit auswalzt, ja, geradezu zermahlt. Ein Buch muss natürlich nicht durch Handlung fesseln, aber muss der ganze Klüngel in Jerichow bis in die letzten Verästelungen dargestellt werden? Auch die ständig sich wiederholende Lektüre der New York Times mit den heute historischen Nachrichten von 1968 ist auf die Dauer ermüdend. Ebenso ist der Alltag der beiden nicht ausgesprochen interessant.

Dazu die Unwahrscheinlichkeit der Anlage: Ist es glaubwürdig, dass eine (pardon) normale 10Jährige ihre Mutter ständig über deren Vergangenheit interviewt, gemeinsam mit ihr recherchiert, gemeinsam die menschlichen und moralischen Implikationen der Verhaltensweisen der Akteure diskutiert? Hören wir hier nicht letzten Endes immer die Stimme des Autors, seine Fixiertheit auf die Themen, die im Übrigen 1970 aktueller als heute waren? Dazu passt, dass Gesines Ich-Perspektive immer wieder in die Er-Perspektive eines Sprechers - Uwe Johnsons - kippt. Deswegen gewinnen Marie und Gesine als Personen auch zu wenig Eigenleben, sie haben etwas Papierenes und Intellektuelles, sie sind in erster Linie Sprachrohre ihres Schöpfers. Und ist es nicht so, dass hier letzten Endes ein Groß-Autor jener Jahre so sehr mit sich und seinem Leben beschäftigt war, dass er es darüber vernachlässigte, sein Buch fasslicher zu strukturieren? Uwe Johnson schien zu glauben, dass alles, was ihm begegnete und beschäftigte, es wert war, zu Literatur zu werden. Wie sonst hätte er z.B. auf den Gedanken kommen können, das Auftreten seines Kollegen H.M.Enzensberger in den USA in diesem Roman über mehrere Seiten hinweg abzukanzeln?

Ich bin nicht sicher, dass ich einen dritten Versuch unternehmen werde.
(Autor/in)


miserabel erzähltes Stückwerk
Ich gebe zu, dass ich Uwe Johnson bisher nur von einer Kurzgeschichte her kannte, die mich eigentlich positiv beeindruckte. Gerade im "Spiegel" wieder als "großer Schriftsteller" bezeichnet, erscheint mir Johnson nach der Lektüre des ersten Drittels dieses Bandes in anderem Licht.
Zwei Dinge sind es vor allem, die an diesem Werk stören. Die "Größe" Johnsons mag sich auf die Länge des Epos beziehen (insgesamt fast 2000 Seiten). Man muss sich aber über die Leser wundern, die sich das antun wollen. Zum ersten ist das ganze wirklich schlecht erzählt. Ich erwarte von moderner Literatur ja nicht einmal eine vernünftige Geschichte, aber Atmosphäre und Personal sollten schon stimmig sein oder zumindest Interesse wecken, zumal es ja um eine Zeit geht, die eine unglaubliche Fülle an Material liefert. Johnson erfüllt aber keine dieser Voraussetzungen. "Jahrestage" ist von Beginn an ein größtenteils öder Stoff. Lange hat mich ein Prosatext nicht mehr so gelangweilt. Und nein, ich bin nicht der Ansicht, dass "große" Literatur das Recht hat, den Leser zu langweilen. Sie tut das nämlich normalerweise nicht.
Der Kniff, die Geschichte in New York spielen zu lassen, was dem Autor die Möglichkeit gibt, zu Beginn jeden Tages die neuesten Zahlen an Toten und Verwundeten aus dem Vietnamkrieg zu melden, wirkt eher aufgesetzt, auch die Zeitungssausschnitte über die Gewalt in New York im Allgemeinen und die Rassenunruhen im Besonderen wirken eher wie Stückwerk als in einen sinnvollen Zusammenhang eingebettet.
Am schwächsten aber erschienen mir ausgerechnet die Rückblicke ins Mecklenburg der 30er Jahre. So schwach habe ich die Atmosphäre des heraufziehenden Nazismus noch nirgendwo beschrieben erlebt, auch die Verbindung der Eltern der Erzählerin, deren Zustandekommen den persönlichen Zug an den Zeitläufen ausmacht, hat mich nicht im geringsten berührt, abgesehen davon, dass ich Teile davon gar nicht verstanden habe.
Kurz und gut: ich habe mich über 150 Seiten gequält und dann aufgegeben. (Autor/in)


Nachbeben
Als die Jahrestage in vier Bänden nacheinander erschienen, war man sich der Kraftanstrengung dieses Autors kaum bewußt, man war vielmehr fasziniert davon, wie er die Erinnerungen der Gesine Cressphal mühelos mit dem Weltgeschehen der späten Sechziger Jahre verküpfte und sich dabei des Kunstgriffs der New York Times bediente. Was nun wie ein monumentales Werk dasteht, war ein in sich äußerst fragiles Unternehmen, das den Autor an sich band. Selten wurde ein Teil der deutschen Geschichte so kunstvoll von leichter Hand erzählt.

Die Jahrestage stehen in der Tradition der großen Erzähler wie Zola oder auch einem Tolstoi. Ein zerrisenes Panorama. Uwe Johnson hat seiner Heimat damit einen literarischen Ort erschrieben, zu dem seine Leser immer wieder zurückfinden, und in Gesine Cressphal und ihrer Tochter Marie, zwei Menschen geschaffen, die für vieles stehen, was Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts nach den Verbrechen der Nazis ausmacht und uns über die Zeiten an unsere Geschichte bindet. Wie Politik in unser aller Leben seinen Platz einnimmt, es mitbestimmt, selbst wenn wir von Politik nichts wissen wollen, davon erzählen die Jahrestage und werfen einen Blick auf die bleierne Zeit danach. (Autor/in)


Ein Lektüre-Kraftakt, aber absolut lohnenswert!
Der ahnungslose Leser steht vor Johnsons "Jahrestagen" wie der Ochs vorm Berg: Schier unüberwindbar erscheint dieser Wälzer von gut 1700 Seiten über die unnahbare Gesine Cresspahl und ihre frühreife Tochter Marie. Die Themen und Motive verschwimmen vor den Augen: Kindheit während der Nazizeit, Jugend in der stalinistisch geprägten DDR, Übersiedlung, Verlust der Heimat und schließlich die New Yorker Gegenwart, geprägt von Rassendiskriminierung und Nachrichten über Kriegstote in Vietnam. Die Gefahr ist groß, dass dem Besteiger dieses Romanbergs nach den ersten Schritten die Puste ausgeht. Allzu leicht kann er ? umgeben von plattdeutschen Dialogen, seitenlangen Zeitungszitaten und Stimmen aus dem Jenseits ? die Orientierung verlieren. Doch wenn er durchhält und es bis zum Gipfel schafft, bietet sich ihm ein einmaliger Anblick: Vier Jahrzehnte deutscher Geschichte breiten sich vor ihm aus. Er hat die Farben der Mecklenburger Ostseeküste in sich aufgesogen, den einsamen Tod des alten Cresspahl beweint und über skurrile Geschichten wie den Ersatz des Christkindes durch das ?Solidaritätsmännchen? in der DDR gelacht. Es war ein Kraftakt. Aber er hat sich gelohnt! (Autor/in)


Rückblick
In diesem Buch lässt der Autor die Hauptperson Gesine Cresspahl animiert von ihrer Tochter auf ihr Leben zurückblicken. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Deutschland, ihrer Familie und ihrem Vater, zu dem sie ein besonderes Verhältnis hatte. Durch diesen Rückblick in die Vergangenheit wird sie gezwungen, lang verdrängte Ereignisse aufzuarbeiten. Sie muss sich mit ihrem jetzigen Leben (1968 in Amerika,ihrem Freund, der sie heiraten möchte) und ihrer Kindheit zur Zeit des Dritten Reiches auseinandersetzen. Die Geschichte von Gesine Cresspahl ist sehr interessant und lesenswert, jedoch wird der Leser irritiert durch Sprünge von der Gegenwart (1968) in die Vergangeheit der 30 er und 40 er Jahre. Doch wenn der Leser sich erst einmal durchgearbeit hat, darf er gespannt sein, wie Gesine und Marie sich entscheiden, werden sie D.E. heiraten oder nicht?


Leben mit der deutschen Teilung
Uwe Johnson (1934-1984) hat mit den JAHRESTAGEN Weltliteratur vorgelegt und stellt mit diesem Werk die ehemalige Zwangsteilung Deutschlands in den Mittelpunkt, deren Probleme er als Schriftsteller in der DDR am eigenen Leib zu spüren bekam, bis er 1959 emigrierte.

Sein Satz- und Sprachstil sind eigenwillig. Ein ähnlich komplexer Erzählstil ist in den Werken Faulkner und Joyce zu finden, von denen sich Uwe Johnson literarisch beeinflussen ließ.

Grandios in diesem Werk sind die Textmontagen, der innere Monolog eines allwissenden Erzählers, die wechselnden Erzählperspektiven und Zeitebenen sowie die gewollte Zerstörung der konventionellen Syntax.

Auch dieses Werk von Johnson ist autobiografisch zu lesen. Zum besseren Verständnis dieses Jahrhundertromans empfehlen sich die Frankfurter Vorlesungen BEGLEITUMSTÄNDE(1980)des Autors. Sie sind eine zentrale Quelle für das Werk dieses deutsch-deutschen Romanciers, der er nie sein wollte.


Familie Cresspahl kam zu kurz
Ich bin froh, daß ich vor dem Buch den 4-Teiler, den Margarethe von Trotta in Szene setzte, gesehen habe. Hier wurde die Familie Cresspahl als solche besser durchleuchtet, was ich im Buch leider vermißte. Nichtsdestotrotz war das teilweise sehr lyrische Werk bemerkenswert und die Schreibe von Uwe Johnson sowie der Stil haben mich fasziniert. Geschichtlich hervorragend und gerade dieser Wechsel der Jahre waren eine Herausforderung in der Lektüre.

Kurz möchte ich noch einmal auf die Familie Cresspahl eingehen. Das Schicksal jedes einzelnen ist so bewegend, daß Uwe Johnson ihnen meiner Meinung nach mehr Platz einräumen hätte sollen/können/dürfen.

Nachdem dies meine erste Rezension ist, bitte ich, mir einiges nachzusehen.

Nur eines, diese Geschichte hat mich wie keine andere berührt und sie wird ihren eigenen Stellenwert bei mir behalten. (Autor/in)


Antikriegsroman
Obwohl erst 1/10 des Romans bewältigt ist, komme ich nicht umhin, um in einer ersten Rezension meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Dieser epochale Roamn hätte nach meinem Erachten längst Kultroman werden müssen. Denn er kann nicht nur als epochal bezeichnet werden, sondern ist der deutsche Roman, der sich gleichermassen gegen den Krieg und gegen den Antisemitismus richtet. Zugegeben, es ist ein äußerst komplexes Machwerk und durchaus schwer zu lesen., doch Johnson gelingt es auf eine geniale, süffisante Weise, mit ihnen allen abzurechnen. Ob es nun Nazideutschland, der weltkrieg, der Vietnamkrieg, die Flüchtlinge oder Nachkriegseuropa oder -amerikasind, oder die gute alte Tante, die New York Times. Scharfsichtig hat Johnson beobachtet und mit noch schärferer Mine hat es dies zu Papier gebracht.


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