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Der Stechlin

Der Stechlin
von Theodor Fontane
Reclam, Ditzingen
1986

Taschenbuch
518 Seiten
ISBN: 3150099102




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Stechlin - ein See als Namenspate eines modernen Romans
Der Stechlin - das ist mehr als der See in der herrlichen Neuruppiner Landschaft, den Fontane schon in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg so treffend beschrieben hat. Der große Gesellschaftsroman gleichen Namens ist auch mehr als die literarische Aufarbeitung des Themas Alt und Neu in der Form eines brandenburgisch-preußisch-deutschen Gesellschaftsgemäldes zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Die zentrale Figur des Romans, Dubslav von Stechlin, selbst ein Junker, ragt - bei aller konservativer Kreuzzeitungs-Verwurzelung - an menschlicher Größe ebenso wie an politischem Weitblick deutlich über seine Standesgenossen hinaus. Politisch beispielsweise mutet seine Kritik an Nietzsches "Übermensch" aus heutiger Sicht beinahe prophetisch an. Menschlich wirken seine Reflexionen über Individualität und die Einsamkeit des Alterns und des Alters auch hundert Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung aktueller denn je. Dies alles kleidet Fontane in bildbuchhafte deutsche Hochsprache, die vor allem von den geradezu liebevollen Beschreibungen und Charakterisierungen der Protagonisten und ihrer Umgebung lebt. Fontane nutzt die Formen von Dialog und vereinzelten Briefen, die mit großer Meisterschaft durch die gemächtliche Handlung des Abschiednehmens eines Alten und der Eheschließung zweier Junger führen. Man meint, die Welt der Wilhelmischen Area auch heute noch miterleben zu können, ohne das hierzu größere historische Vorkenntnisse erforderlich sind. (Autor/in)


Ruppin
Ein Roman, von dem der Autor selber sagt, es geschehe in ihm nicht viel: zum Schluss sterbe einer und zwei Junge heiraten, der trotzdem einen festen Platz im deutschen Literaturkanon innehat, muss auf eine andere Weise Faszination versprühen. Es wird viel geredet im Stechlin. Die Menschen verschaffen sich ein Bild von sich und ihrem Land, indem sie darüber sprechen müssen, sich gegenseitig versichern. Fehler, Schwächen, werden dabei nicht radikal ins Scheinwerferlich gezerrt. Sie werden angemerkt, blossgelegt, aufgedeckt, erkannt, wenn nicht gar die Lösung debattiert. In Dubslav von Stechlins Welt kommt es nicht zum Umsturz, sie schwindet dahin. Natürlich ist man da nicht vor Fehlern in der Liebe geschützt, von falschen Entscheidungen frei, Freunde, die einem Böses wollen, laufen einem ohnehin über den Weg. Das Gefühl, dass mit einem selbst eine Welt untergeht, wächst bei Menschen, je älter sie werden. Auch der alte Stechlin nimmt sie mit sich mit. Dieser Ton prägt einen von Fontanes besten Romanen. Wer sich heute über die Krise der Sozialdemokratie mokiert, findet hier die genaue Beschreibung ihres Entstehens, ohne sie zu glorifizieren. Die Welt ist beschaulich am Stechlin. Sie wird in den Jahrzehnten danach hektisch, unübersichtlicher, schneller, umstürzlicher werden. Eine Faszination, die von dem Roman ausgeht, besteht sicher darin, noch einmal in sie abtauchen zu dürfen, sich Fontanes Sprache anzuvertrauen und sich zu wundern, was alles mit dem alten Stechlin untergegangen ist. (Autor/in)


Ein Plauderroman
Fontane hat sinngemäß gesagt, dass in seinem Roman (der 1894 spielt) zwei Leute heiraten und ein alter Mann stirbt. Man darf hinzufügen, dass noch eine Reichstagswahl und eine Dampferpartie stattfinden. Alles übrige sind Betrachtungen, Anekdoten, Gespräche über das Leben und die Ansichten in Preußen vor der Jahrhundertwende. Um nur einige zu nennen: Der Klatsch über den Bruder Friedrichs II., Prinzen Heinrich, mit seiner Vorliebe für tote Bräute, die Anekdote vom ultimativen Helden Greely, die Legende vom Blut, das sühnt, die Geschichte von einer Mörderin, die ihren Lehrling liebt, und die als Affront aufgefasste Kondolation eines jüdischen Rechtsanwalts.

See, Wald, Dorf und Schloss heißen Stechlin und der Romanheld, Dubslav mit Vornamen, ein Ex-Major, "der Typus eines Märkischen von Adel". Er schwärmt von den alten Beziehungen zu Russland, vom Regiment Alexander und den Nikolaus-Kürassieren, bei denen er gedient hat, und stellt die gute alte russische Allianz der neumodischen Vorliebe für englische Verhältnisse entgegen. In dieser Haltung ist ein Zug traditioneller deutscher Außenpolitik wunderbar eingeschlossen: Die Verbandelung mit Russland und das Inferioritätsgefühl gegenüber der britischen Weltmacht (heutzutage der amerikanischen), dessen Aus- und Nachwirkungen Fontane nicht zu erleben brauchte.

Fontane beschreibt die letzten Tage des Feudalismus' als Zeitzeuge. Darin besteht der Vorteil dieses Preußen-Buchs gegenüber anderen Büchern über Preußen, die aus einer Zeit heraus geschrieben werden, die zwei Weltkriege und die Nazi-Greuel hinter sich hat. Der Zeitzeuge Fontane weiß, dass die Adelsherrlichkeit zu Ende geht. Er stellt diese Tatsache mit Humor und ohne Bitterkeit fest. Ein bezauberndes Bild des abgelebten, ja geradezu abgeklärten Feudalismus' ist die Szene am Ende des 23. Kapitels, wo die Buschen, eine Kätnerin, und ihr Enkelkind den alten Stechlin im Walde treffen und sich von gleich zu gleich unterhalten wie Mitglieder einer großen Familie, in der "gnädger Herr" wie ein Kosename klingt. Ein anderes Ereignis, das den Niedergang des Adels zeigt, ist die Reichstagswahl. Der Adel hat sich mit dem demokratischen Verfahren zähneknirschend abgefunden und schickt einen der Ihren ins Rennen, Stechlin, der die Wahl gegen einen sozialdemokratischen Feilenhauer verliert. Die Sozialdemokratie taucht immer wieder in den Gesprächen auf als das Neue, dem man zwar misstrauisch begegnet, das aber niemand zu hassen scheint.

Von den vielen anderen Romanfiguren nur die folgenden: Die eine ist der "neumodische" lutherische Pastor Lorenzen, "beinahe ein Sozialdemokrat", ein glühender Verehrer der Jenny Lind und ein Freund Dublavs, vielleicht der einzige. Lorenzen ist auch der Erzieher Woldemars, des herrschaftlichen Sohns. Der Rittmeister Woldemar von Stechlin, ein Tolstoi-Schwärmer, verkehrt mit der Familie von Barby, die im Haus der Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz in Berlin residiert. In einer solchen Familie zu verkehren und sich mit der Tochter zu verloben, "ist so ziemlich ein und dasselbe". Er heiratet die langweilige Armgard von Barby und fühlt sich berufen, über die Enkelin der alten Buschen ein pädagogisches Verdikt der Extra-Klasse zu verhängen: Solche Kinder müsse man sich selbst überlassen, das sei, "wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt", das beste (es wird in der Geschichte nicht klar, was Schlechtes in ihr stecken soll, außer dass sie keine Adelige ist) - für einen liebenswürdigen Mann, der Woldemar sein soll, reichlich abgeschmackt. Melusine, Woldemars Schwägerin, die amüsantere Tochter des alten von Barby, hat es mit dem feinen Gefühl, in Kunst und Leben, lässt es aber vermissen, wenn sie behauptet, das Mittelalter stehe schönheitlich höher als die gegenwärtige Gesellschaft und seine Scheiterhaufen seien gar nicht so schlimm - eine der Fontanischen Flapsigkeiten, die gelegentlich seine Akteure in Misskredit bringen. Melusinen legt er auch eine Einerseits-andererseits-Bemerkungen in den Mund: "Aber ein guter Verstand, so viel er ist, ist auch wieder recht wenig" - schauderhaft. Nun, Fontane tritt hinter seine Figuren zurück und lässt sie so sein, wie sie uns erscheinen. Und wie sie erscheinen, das ist bei der Fülle menschlicher Charaktere stets realistisch. Aber wer wollte diesen Roman ein zweites Mal lesen? (Autor/in)


Zurückversetzt
Ein toller Film, man fühlt sich in der Sprache und im Bild um über 100 Jahre zurückversetzt und ist einfach begeistert. (Autor/in)


Zu beschaulich
Nach all den vorangegangenen Rezensionen erscheint es fast als Sakrileg dem Stechlin nur eine mittelmäßige Punktzahl zu geben. Doch mir plätscherte das Buch zu beschaulich dahin. Zwar ist es richtig, dass Fontane den preußischen Junker Dubslav von Stechlin und seine Welt sehr schön porträtiert und der Alte ist mit Sicherheit auch eine interessante Persönlichkeit. Daneben aber passiert eben nichts wirklich Erzählenswertes und das junge Paar Woldemar und Armgard wirkt auf mich vollkommen öde und blutleer. Wirkliche Begeisterung kam deshalb beim Lesen nicht auf. (Autor/in)


Herr von Stechlin und die neue Zeit: ein zeitloser Klassike.
Kaum Handlung, aber viel Inhalt, so könnte man Theodor Fontanes letzten Roman "Der Stechlin" kurz und knapp zusammenfassen. Der alte Stechlin lebt zurückgezogen in seinem Herrenhaus am gleichnamigen See. Sein letztes Lebensjahr ist durch eine erfolglose Kandidatur für den Reichstag, die Begegnung mit neuen und alten Bekannten sowie die Hochzeit seines Sohnes geprägt. Das Thema des Buches ist die alte und die neue Zeit, über die alle Figuren in endlosen Gesprächen sinnieren und debattieren. Es geht um Demokratie, das Deutsche Reich und seine internationalen Beziehungen, um Industrialisierung und den sozialen Wandel im 19. Jahrhundert. Fontane hat mit seiner Entscheidung, die Konversation in den Mittelpunkt seines Buches zu stellen, einen für die damalige Zeit sehr modernen Roman geschaffen und anderen Autoren seiner Zeit viele Impulse gegeben. Heute ist das Buch vor allem deshalb so aktuell, weil sich unsere Gesellschaft wieder in einem umfassenden Veränderungsprozess befindet. Aus dem Umgang Fontanes mit dem Neuen lässt sich viel lernen - vor allem etwas mehr Gelassenheit und Toleranz, wie sie der alte Stechlin zu seinem Lebensprinzip erhoben hat. (Autor/in)


Fontanes Meisterwerk
Man fragt sich zwar immer mal wieder : Welcher " Fontane " gefällt dir eigentlich am besten.Eigentlich eine unangemessene Frage, weil jeder Roman , jede Erzählung auf seine bzw ihre Weise einen unverwechselbaren Reiz entfaltet.Aber " Der Stechlin " ragt meines Erachtens doch noch etwas heraus. Keine aufregende Handlung. Gespräche prägen weitgehend den Roman.Liberalität und Toleranz atmet das Buch vor allem in der Person des alten Dubslav, einer eindrucksvollen Erscheinung, die an einer Schnittstelle preussischer Geschichte steht.Ein Mann , der trotz seines Herkommens das Neue spürt und es für sich zulässt.Der Begriff der Altersweisheit ist sicher sehr zwiespältig, aber als Kennzeichnung dessen, was Fontane hier eingebracht hat,in diesem Fall angemessen, wenn man beschreiben will, was den Roman ausmacht.Ein wunderbares Buch, das - diese persönliche Anmerkung sei erlaubt - in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts herausragt und allenfalls übertroffen

wird von Gottfried Kellers " Grünem Heinrich ".


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